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Mildes Wetter bringt Natur in Schwung E-Mail

Westfalen-Blatt vom 05.01.2012

Vom Winter keine Spur: Tiere werden aus dem Winterschlaf gerissen - Pflanzen stehen in den Startlöchern

Von Ralf Benner

Altkreis Warburg (WB). Frühlingshafte Temperaturen, vom Winter keine Spur - die ersten Krokusse blühen, Amseln stimmen ihre Balzgesänge an; und sogar Schneeglöckchen zieren im Warburger Land bereits vereinzelt den Rasen. Das überaus milde Wetter treibt derzeit manch seltsame Blüten.

Was die milden Temperaturen der vergangenen Wochen für Tiere und Pflanzen bedeuten, erklärt Frank Grawe, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Landschaftsstation für den Kreis Höxter in Borgentreich.

»Die frühlingshaften Temperaturen bringen die Vogelwelt in Schwung. Amseln, Kohlmeisen und Ringeltauben sind in Balzstimmung«, berichtet der Experte. In einem normalen Winter würden sie nie auf den Gedanken kommen, im Januar mit der Balz zu beginnen - da stehe die Nahrungssuche eigentlich im Vordergrund. »Vögel sollten jetzt nicht gefüttert werden, um Frühlingsgefühle und Balzverhalten nicht weiter anzuheizen«, so Grawe.

»Wenn das warme Wetter in den nächsten Wochen weiter anhält, beginnen die Vögel zu brüten, das wäre gar nicht gut, denn es gibt bestimmt noch einen Kälteeinbruch - und dann wäre die Brut verloren«, erläutert Frank Grawe. »Vögel wie Kohlmeise und Sperling, die das ganze Jahr über in ihrem Gebiet bleiben, besetzen bei den milden Temperaturen früh die Reviere, um dort zu brüten. Dadurch sind im Frühjahr möglicherweise weniger Brutplätze für die Zugvögel übrig«, befürchtet der Fachmann.

Winterschläfer wie Fledermäuse oder Amphibien kommen durch die milde Witterung aus ihrem Rhythmus. »Wenn mehrere Tage lang mehr als 15 Grad herrschen, besteht die Gefahr, dass ihr Stoffwechsel auf Betriebstemperatur hochfährt und sie viel Energie verlieren. Ihnen würde dann das Nahrungsangebot an Insekten fehlen, um die Körpertemperatur halten zu können«, führt Grawe aus. Werden Amphibien wie Erdkröten und Molche, die sich im Winter eigentlich in den Schlamm eingraben, aus dem Schlaf gerissen und später von einem Kälteeinbruch überrascht, können sie nicht mehr in den Schlamm zurück, weil der Boden dann gefroren ist.
Das milde Wetter lockt nicht nur die Tiere aus ihrem Winterschlaf, viele Pflanzen stehen bereits in den Startlöchern: Als erstes soll in den kommenden Tagen die Haselblüte beginnen, zwei bis vier Wochen früher als sonst. »Allergiker bekommen Probleme, wenn die Haselnusssträucher bereits blühen. Doch ihnen hilft noch der Regen, der die ersten Pollen gleich wieder aus der Luft wäscht«, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter der Landschaftsstation. Die Blütenstände zahlreicher Gehölze seien schon sehr weit fortgeschritten. »Nach den Haselnusssträuchern beginnen die Erlen und Forsythien zu blühen«, erläutert Grawe.
An manchen Orten in der Region sprießen schon die ersten Krokusse in den Gärten, schauen vielerorts erste Schneeglöckchen aus dem Boden. Durch den fehlenden Frost glauben die Blumen sozusagen, dass schon Frühling ist. »Nur wenn es dann noch mal richtig friert, wird das zum Problem, dann könnten die Pflanzen erfrieren«, erklärt Gärtnermeister Wilhelm Deist vom gleichnamigen Blumenhaus in Warburg. »Die Pflanzen können vor einem Kälteeinbruch noch einmal zurückgeschnitten werden, doch das hilft auch nicht immer«, berichtet der Experte. Blumen benötigten zum Wachsen nicht nur Wärme, sondern auch Licht. »Es ist deshalb wichtig, die Pflanzen vor Sonneneinstrahlung zu schützen, sie etwa mit Tannenzweigen abzudecken, um ihr Wachstum nicht weiter zu beschleunigen«, erläutert Deist.

Auf den Feldern tut sich zur Freude der Landwirte hingegen bislang wenig. »Wenn zusätzlich zum milden Wetter aber so langsam auch die Tage länger werden und die Pflanzen mehr Licht bekommen, könnte es bald losgehen«, prophezeit Antonius Tillmann aus Bonenburg, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Höxter-Warburg. Das könnte dem Wintergetreide gefährlich werden, denn »wenn es danach noch mal kalt wird, kriegen die Pflanzen richtig eins auf die Mütze«, so der Landwirt. Generell sei ein krasser Wechsel zwischen mild und frostig schlecht für die heimische Natur, die im Winter an Frost gewöhnt ist.
Doch ob es tatsächlich noch einmal einen harten Wintereinbruch gibt, ist nicht abzusehen. Noch bis tief in den März hinein kann es knackig kalt werden, eine langfristige Prognose sei nicht möglich, erklären dazu die Experten vom Deutschen Wetterdienst.

...ganzer Artikel zum Download (Fassung Ausgabe Warburg), in der Fassung der Ausgabe Höxter